Friedrich Christian Lesser als Heimathistoriker

(Vortrag von Paul Lauerwald anlässlich des 250. Todestages von Lesser im Jahr 2004)

Siegfried Rein hat die bisher umfangreichste und tiefgründigste Biographie Friedrich Lessers untertitelt: Pastor, Physicotheologe und Polyhistor. 1

Damit sind auch die drei Tätigkeitsfelder Lessers umschrieben, in denen er in seiner Zeit hauptsächlich gewirkt und mit denen er über seine Zeit hinaus Bedeutung erlangt hat. Den Nordhäusern ist er bevorzugt von Bedeutung als Verfasser der ersten umfassenden Stadtgeschichte, als Heimathistoriker. 2

Dieser Bekanntheitsgrad für Nordhausen ist aber wohl erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, als die von Professor Dr. Ernst Günther Förstemann umgearbeitete, ergänzte und erweiterte Lessersche Chronik erschien. 3

Diese Fassung erlebte noch 1999 einen Nachdruck in beachtlicher Auflagenstärke.

Es ist also gerechtfertigt dem Engagement Friedrich Christian Lessers als Heimathistoriker nachzugehen.

Unter den nachgelassenen Werken sind umfassende heimatgeschichtliche Abhandlungen in einer Minderzahl. Zwar hat Lesser in einer Vielzahl von größeren oder kleineren Schriften Bausteine zu einer Heimatgeschichte geliefert. Dazu sind seine Biographien, seine genealogischen Arbeiten, die numismatischen Veröffentlichungen zur frühesten Nordhäuser Münzgeschichte, zu den hohnsteinischen und schwarzburgischen Münzen ebenso zu rechnen wie seine kirchengeschichtlichen Veröffentlichungen. Für die heutige heimatgeschichtliche Forschung von Belang sind auch seine zeitgenössischen Arbeiten etwa über die Ankunft der Salzburgischen Emigranten in Nordhausen am 26. August und am 23. September 1732 4
oder über das 200- jährige Jubiläum der Augsburger Konfession im Jahre 1730. 5

Eigentliche heimatgeschichtliche Werke sind allerdings nur seine 1740 anonym erschienene Nordhäuser Stadtgeschichte und die nur als Manuskript überlieferte und erst 1997 im Rahmen der Schriftenreihe der Friedrich – Christian – Lesser – Stiftung veröffentlichte Geschichte der Grafschaft Hohnstein. 6

Die Ursachen dafür liegen in einem mangelnden Interesse des städtischen Rates, ja sogar in einer ausgesprochenen Abneigung gegen eine wahrheitsgetreue und umfassende Stadtgeschichtsschreibung. Das sei an einem Vorläufer der Lesserschen Chronik und an  der Entstehung der Lesserschen Chronik kurz dokumentiert.

Der Nordhäuser Ratsherr und Jurist Erich Christoph Bohne beabsichtigte im Jahre 1701 nach längeren Vorarbeiten eine „Nordhäusische Chronica, Zeit- und Geschicht - Buch“ zu publizieren. 7

Dem umständlichen Titel ist zu entnehmen, dass dieses Buch „der Kayserl. und des Heil. Röm. Reichs Freyen Stadt Nordhausen Situation, Lage und  Angräntzung, Fundation, Stiftung, Regiments – Verfassung, Jurisdiktion, Bothmäßigkeit, Gewerbe, Nahrung, Sitte wie auch derselben und in benachbarten Orten, sowohl  alter als neuer merck- und denkwürdige Geschichte“ enthalten sollte.

Für das Buch war auch der Abdruck von Urkunden, Polizeiordnungen, Ratsverordnungen und anderer Materialien vorgesehen, die der Autor „mit sonderbaren Fleiße aus beglaubten Autoribus, Manuscriptis, zum Theil auch selbst eigener Erfahrung zusammen getragen“ hatte. Bohne hatte  die Absicht diese „Chronica“ von den Anfängen der Stadt bis in die Gegenwart , das heißt das Jahr 1700 fortzuführen.

Das Manuskript war fertiggestellt und dem Buchhändler Carl Christian Neuenhahn in Nordhausen als Verleger übergeben. 1701 begann in Leipzig und Frankfurt der Andruck. Dieser wurde auf Betreiben des Nordhäuser Rates abgebrochen, Bohne musste das Manuskript dem Rat zur Zensur übergeben. Die bereits ausgedruckten Seiten , es waren nach dem erhalten gebliebenen Fragment mindestens 88 Seiten, wurden eingezogen, der Druck eingestellt. Eine Zensur, d. h. Bearbeitung des Manuskripts fand nicht statt. Es wurde ganz einfach auf „Eis gelegt“, d.h. es erfolgte keine Freigabe. Wie einem erhaltenen Tagebucheintrag Bohnes zu entnehmen ist, war im März 1703 über eine Freigabe des Manuskripts und den Weiterdruck noch nicht entschieden. Oder anders herum gesagt, Bohne hatte die  negative  Entscheidung des Rates über die  Nichtfreigabe des Manuskripts zum Druck, seine Konfiszierung einschließlich der schon gedruckten Buchseiten noch nicht mitgeteilt bekommen. Nordhausen war in dieser Zeit im Zusammenhang mit einem Streit zwischen Brandenburg – Preußen und Braunschweig – Lüneburg um die Reichsämter in der Stadt Nordhausen von preußischen Truppen unter Oberst von Tettau besetzt. Letzterer hatte von der Bohneschen Chronik gehört und wollte sie aus naheliegenden Gründen für seinen Landesherren erwerben. Ein entsprechendes Anliegen richtete er an den Autor. Dieser musste ihm aber, wie er in seinem Tagebuch unter dem 17. März 1703 notierte, mitteilen, er „Hätte aber selbst das Ms nichtmehr in Händen, sondern wäre auf E. Edlen Raths begehren auf das Rathauß ad Consuram geschickt und also bis hierher ins Stocken gerathen, sonderlich da mir Brgmstr. Weber darin zuwieder, es wäre so viel von Aufrühren darinn beschrieben, it. ich wäre zu jung darzu x. resp. ille, man müste den Historien ihren Lauff laßen.“ 8

Ein zweites Beispiel dieses rigiden Umgangs mit der Stadtgeschichte durch den Nordhäuser Rat sei hier noch erwähnt.

Der Stadtphysikus und langjährige Bürgermeister Dr. Conrad Frommann hatte in 14 Quartbänden historisches Material „mit eigener Hand geschrieben und teils aus dem Ratsarchiv und Akten, teils aus anderen Nachrichten zusammengetragen.“ Das gelang ihm nur  unter Ausnutzung seiner städtischen Ämter. Sofort nach seinem Tode im Jahre 1706 wurden diese 14 Bände den Erben mit Gewalt durch den Stadtleutnant und vier Stadtsoldaten im Beisein des Stadtaktuars abgenommen. Sie wurden in das Haus des Hannoverschen Kommissars Offeney gebracht und dort bis zum Jahre 1715 deponiert. Begründet wurde die Einziehung dieser Bände mit der preußischen Besetzung Nordhausens in diesen Jahren. Unter allen Umständen wollte man die inhaltsreichen Archivalienabschriften vor preußischer Einsichtnahme bewahren. 9

Aber auch nach Beendigung der preußischen Besetzung im Zusammenhang mit dem Erwerb der verpfändeten Schultheißen- und Vogteirechte durch die Stadt im Jahre 1715 wurden diese einzigartigen Materialien im Rathaus unter Verschluss aufgewahrt und standen nur den Ratsherren zur Einsicht zur Verfügung.

Für dieses Verhalten des reichsstädtischen Rates lassen sich im Wesentlichen drei Gründe vermuten.

Erstens wollte der Rat angesichts der bestehenden Streitigkeiten zwischen Brandenburg – Preußen und Braunschweig – Lüneburg um das Schultheißen- und Vogteiamt in Nordhausen keiner der beiden Parteien, insbesondere aber Preußen nicht, Material zur Begründung ihrer Ansprüche auf beide Ämter liefern. Im Gegenteil ging es ihm darum, aus dem Kampf beider Parteien um die Reichsämter für die Stadt selbst das Beste herauszuholen, um diese beiden Ämter zur Erreichung der vollen Selbstständigkeit der Stadt zu erwerben. Als das 1715 gelang, änderte sich die Haltung der Stadt nicht. Umgeben von braunschweigischen und preußischen Landesteilen fürchtete der reichsstädtische Rat immer wieder um den Erhalt seiner Selbstständigkeit.
Zweitens, und das ist in enger Verbindung zum eben gesagten zu betrachten, hatte der Rat echte Befürchtungen „ausspioniert“ zu werden sowohl hinsichtlich aktueller Entwicklungsprobleme und -prozesse als auch brisanter historischer Vorgänge und Dokumente.

Drittens sollte unterbunden werden, dass breite Teile des Stadtbürgertums mit der Geschichte ihrer Stadt vertraut gemacht wurden. Sie hätten sonst von den vielfältigen erfolgreichen, aber auch gescheiterten Versuchen in der Geschichte Nordhausens erfahren, die bestehenden Machtstrukturen zu ändern. Und solche Handlungsanweisungen befürchteten die regierenden Ratsmitglieder. Das änderte sich auch nach 1715 nicht. Der reichsstädtische Rat beobachtete misstrauisch jegliche Veröffentlichungen oder Veröffentlichungsversuche zu Themen der städtischen Geschichte. 10
Solche Verfahrensweisen sind nicht nur für Nordhausen nachweisbar. Auch dem Leipziger Geschichtsschreiber Vogel wurde durch den Rat der Stadt Leipzig die Fortsetzung des Druckes des zweiten Bandes seiner Arbeiten über die Geschichte Leipzigs untersagt, sein Manuskript und alle Materialsammlungen dazu eingezogen.

Friedrich Christian Lesser beabsichtigte bereits 1725 eine Chronik der Stadt Nordhausen im Verlag des Buchhändlers Johann Heinrich Groß zu publizieren. Ein entsprechendes Manuskript lag zu diesem Zeitpunkt vor. Mit hoher Wahrscheinlichkeit enthielt dieses Manuskript Einzelheiten, die den Interessen des städtischen Rates widersprachen. Das Ratsregiment unter Bürgermeister Franz Filter (1727 – 1728) brachte Einwände und Bedenken vor, die dem Verleger einige Besorgnis bereiteten. Offensichtlich deshalb und wegen unterschiedlicher Auffassungen bezüglich der Honorarhöhe wurde der entsprechende Vertrag zwischen dem Autor und dem Verleger gelöst. 11

Lesser scheint die beanstandeten Stellen geändert oder gestrichen und das Manuskript überarbeitet zu haben.

Dass ihm das nicht leicht gefallen ist, lässt sich aus späteren Äußerungen erkennen. So schreibt er in seiner Biographie von Laurentius Süsse, die 1749 erschien:

„Ich würde noch mehrere Nachrichten von der Geschichte meines geliebten Vaterlandes gegeben haben, wenn meine Feder Freiheit gehabt hätte, nach meinen Willen zu schreiben, und wenn nicht zuweilen Umstände mir einen Siegel auf den Mund gedrückt.“12

Im Jahre 1737 kommt es dann zwischen Friedrich Christian Lesser und Johann Heinrich Groß wegen der Nordhäuser Chronik zu einem Verlags- Kontrakt. Das Konzept dieses Vertrages ist überliefert. Lesser musste unter anderen den Verleger schadlos halten gegenüber allen Ansprüchen, die gegebenenfalls der städtische Rat stellen würde. Es heißt:

„So hatt Herr Pastor Fr. Chr. Lesser als autor dieses Ms cts  sich nachhero gegen den Verleger Großen solcher gestallt erkläret, daß seines Wissens nichts in gedachten Ms cte enthalten, welches der Stadt und Obrigkeit nachtheilig seyn könnte, oder ihme, Verlegern, Verdruß und Schaden verursachen könnte: Sollte sich aber wieder alles Verhoffen dergleichen dennoch ereignen, so verspricht und obligirt sich der Herr Autor nebst den Seinigen krafft dieses Aufsatzes auf das Verbindlichste, daß er Verlegern wegen des Inhalts nicht allein wieder alle Ansprache u. Verantwortung willigst vertretten sondern auch wegen des Ihme durch diesen Verlag sonst etwa zuwachsenden Schadens und Unkosten würcklich und tatvöllig schadloß zu halten und zu setzen wollen und soll gehalten sein... .“13

Der Verleger sichert sich also wegen eines möglichen Schadens ab.

Lesser braucht fast zwei Jahre, um den am 10. August 1737 von Johann Heinrich Groß erarbeiteten Vertrag zu unterzeichnen.

Erst am 28. Mai 1739 übergibt er den Entwurf mit einigen Änderungen an den Verleger zur endgültigen Ausfertigung.

Sicherlich benötigte Lesser diese Zeit um sein Manuskript noch einmal nach möglichen anstößigen Passagen zu überprüfen und diese zu beseitigen. Denn seine wirtschaftliche Situation läßt es nicht zu, den Verleger schadlos gegen eventuelle Einsprüche, Beschlagnahmungen und Aktivitäten des Nordhäuser Rates zu diesem Titel zu halten.

So erscheint 1740 seine Nordhäuser Stadtgeschichte unter dem Titel „Historische Nachrichten von der Kayserl. Und des Heil. Röm. Reichs Freyen Stadt Nordhausen worinne von derselben Lage, Erbauung, Nahmen, öffentlichen Gebäuden, Privilegiis, Raths- Veränderungen und Verordnungen, vornehmsten Gesetzen, Bürgermeistern, Syndicis, Physicis, Secretariis, Officieren und denen daselbst geschehenen Vornehmen Geburten, Vermählungen, Zusammenkünfften, Thurnieren, Huldigungen und wohlfeiler Zeit, auch sich allda zugetragenen Sterbens – Läufften, vornehmen Begräbnissen, Aufruhren, Kriegs= Troublen, Feuers= Brünsten, Ungewittern, Sturm= Winden, harten Wintern, großen Wasser= Fluthen, Dürre, theurer Zeit, traurigen Begebenheiten, Executionibus und anderen besonderen Merckwürdigkeiten theils aus gedruckten Schrifften, theils aus geschriebenen Urkunden ausführlich gehandelt wird.“

Soweit der vollständige, im schwülstigen Barockdeutsch gehaltene Titel des Buches, aus dem zugleich der Inhalt zu erschließen ist. Als Verlagsort ist Frankfurt und Leipzig, als Verleger Christoph Erhard genannt. Lediglich der Zusatz „auch in Commission bei Johann Heinrich Groß“ verweist auf den eigentlichen Verleger aus Nordhausen.

Ein Autor ist nicht genannt. Offensichtlich geht die Angst Friedrich Christian Lessers vor möglichen Schwierigkeiten soweit, dass er seine Autorenschaft leugnet. In der Erstauflage seiner „eigenen Nachricht von Seinen grössern und kleinern Schriften“ aus dem Jahre 1746 schreibt er diesbezüglich:

„Daß ich damals meinen Nahmen nicht vorgesetzt, hatte seine bewegenden Ursachen. Ich würde auch die Lebens der sämtlichen Prediger und Schul- Collegen, wie auch noch  manche Urkunden beygebracht haben, wenn nicht gewisse Umstände mich genöthigt, das Buch nicht weitläufiger zu machen.“ 14

Sein Sohn Johann Philip Friedrich Lesser äußert sich in seinem 1757 erschienenen Buch „Nachricht von dem Leben und Schrifften Herrn Friedrich Christian Lesser“:

„Einige besondere Ursachen bewogen den Vater dieser Schrift, seinen Namen zu ver-schweigen ... . Einige Umstände nöthigten ihn manches zurück zu behalten, welches er, wenn es auf seinen Willen angekommen wäre, gern mitgetheilt hätte ... .“ 15

Deutlicher wird Lesser selbst in seinem Briefwechsel mit dem Hofrat und Historiker Gottlieb Adolph Heinrich Heydenreich. In einem Brief vom 31. März 1748 teilt er ihm mit:

„Ich bin autor der beschreibung von Nordhausen weil ich aber so viel weg laßen musste, wolte ich meinen Nahmen nicht drauf setzen. daher ist es auch kommen, daß ich vom Schuldheissenamt und Halsgericht nichts beygebracht.“ 16

Betrachten wir aus dieser Sicht das Werk, dann wird deutlich:
Quellenmaterial aus dem städtischen Archiv oder auch die 1706 beschlagnahmten 14 Bände des ehemaligen Bürgermeisters Frommann standen Lesser nicht zur Verfügung. Urkundliches Material besaß er bestenfalls nur in ungenauen Abschriften.

Heikle Themen so insbesondere das Schultheißenamt und die Vogtei musste er nicht nur mangels Material sondern insbesondere aus Rücksichten gegenüber dem reichsstädtischen Rat umgehen. In einem Brief vom 13. Juni 1748 an den schon genannten Gottlieb Adolph Heinrich Heydenreich stellte er fest:

„Warum hiesiger Senatus die Documenta wegen des Schultheißen= Amts geheim hält. kannich nicht sagen. Inzwischen kann dahero keine Documenta erhalten.“ 17

So erklärt es sich auch, dass Lesser obwohl er große numismatische Interessen hat, auf die neuzeitliche Münzprägung der Stadt in den Jahren 1556, 1616 - 1624, 1660 und 1685 nicht eingeht. Immerhin stellen diese Prägungen Verstöße gegen geltendes Reichsrecht dar, da Nordhausen als nicht bergwerksbesitzender Staat nicht in einer eigenen Münze, sondern nur in einer Kreismünzstätte, Münzen ausprägen darf.

Aus dieser Situation ist es auch erklärlich, dass er die Stadtbefestigung Nordhausens nur kurz streift und von dem stärksten Befestigungswerk, dem Töpfertor, nur zu berichten weiß, dass in dem Rondell die Kreuzigungsgruppe angebracht ist.

Die vorhandene gedruckte Literatur dagegen beherrscht Lesser vorzüglich und steht ihr auch hinreichend kritisch gegenüber.

Die Fehler und Mängel der Nordhäuser Stadtgeschichte von 1740 hat Lesser zu allergrößten Teilen nicht zu vertreten.

Im Gegenteil, es ist ihm zu danken, das trotz widriger äußerer Umstände, die ein kleinlicher reichsstädtischer Rat zu vertreten hat, eine heute noch wertvolle Faktensammlung zur Nordhäuser Geschichte entstanden ist.

Und so ist die Aussage des Magisters Friedrich Wilhelm Erhard von 1803 in seinem Gedicht „Mehrwichs Linde. Eine Nordhäusische Vorzeitsage“ ungerecht. In einem Vers schreibt er:

„Bey Pädopatern aber,
Bey Lessern und so fort
steht wohl von neuern Dingen
geflissentlich kein Wort“

Und für die der Geschichtsschreibung Unkundigen erläutert er : „Zwei ängstlich      behutsame Verfasser von Nordhäusischen Chroniken. Der deutsche Name des erstern war Kindervater.“ 18

Immerhin hat dieses Geschichtswerk den bedeutendsten Stadthistoriker des 19. Jahr-hundert, Prof. Dr. Ernst Günther Förstemann, bewogen, die Lessersche Chronik fortzuführen, umzuarbeiten und zu erweitern. Wenn auch  diese Arbeit, wie der Vergleich ergibt, eine eigenständige ist, läßt Förstemann den Namen Lesser im Titel, behält auch die Lessersche Gliederung bei und so ist der „Lesser – Förstemann“ heute noch ein beliebtes Buch. 19

Der Nordhäuser Stadtarchivar Hermann Heineck äußert sich in einem im Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein im Jahre 1927 gehaltenen Vortrag über „Die Geschichtsschreiber der Stadt Nordhausen“ über die Lessersche Chronik von 1740:

„Wie sein Vorgänger von 1701, Erich Christopherus Bohne, so beginnt auch Lesser mit der Topographie der Stadt. Dann geht er über auf die Verwaltung und die sie ausübenden Personen. Der nun folgende geschichtliche Hauptteil gliedert sich ganz offensichtlich nach den Prinzipien des Guten und des Bösen. A/ für die Stadt erfreuliche Ereignisse : Geburten, Vermählungen, Reichs- und Landtage, Turniere, Huldigungen, wohlfeile Zeit usw. B/ für die Stadt unerfreuliche Geschehnisse: Pest, Aufruhr, Kriege, Feuersbrünste, Hinrichtungen usw. Während die alte Annalistik einfach chronologisch aneinander reihete, hat Lesser in dem geschichtlichen Abschnitt die eben genannte Teilung eintreten lassen, im übrigen verfährt er nach dem alten Rezept – ohne Begründung reiht er die Ereignisse aneinander, wirtschaftliche, literarische, soziale Ausblicke fehlen vollständig. Lessers Chronik ist die erste, seine Sprache ist volkstümlich, die Chronik reicht bis in die Gegenwart. So ist es gekommen, daß sie in Nordhausen eines der gelesensten Bücher war ...“20

Das ist es, was die Chronik auszeichnet. Dass Lesser selbst mit ihr nicht zufrieden war, ist hinreichend gezeigt worden.

Die politische Rücksichtsnahme, der nicht mögliche Zugang zu den Quellen und das nicht zu unterschätzende materielle Risiko, das mit der heiklen Materie verbunden war, haben ihn sicherlich bewogen, sich Themen zuzuwenden, die keine aktuelle Brisanz besaßen, wie etwa die Biographien, die Kirchengeschichte insbesondere der Jakobikirche oder eben historische Ausflüge in die Geschichte nicht nordhäusischer Territorien zu unternehmen, wie in das Fürstentum Schwarzburg oder die Grafschaft Hohnstein.

Und da wären wir bei seiner zweiten größeren heimatgeschichtlichen Arbeit, der „Historie der Grafschaft Hohnstein“.

Diese über einen längeren Zeitraum entstandene und wohl nicht für eine Publikation gedachte Arbeit wurde erst 1997 im Rahmen der Schriftenreihe der Friedrich - Christian – Lesser - Stiftung publiziert. 21

Das in zehn Kapitel gegliederte Manuskript hat fragmentarischen Charakter, ist am Anfang sorgfältiger ausgeführt und mit zahlreichen Anmerkungen versehen, die im Verlaufe der Darstellung immer seltener werden. Im Text angekündigte Quellenzitate werden nicht mehr gebracht.

Wahrscheinlich beabsichtigte Friedrich Christian Lesser eine umfangreiche Geschichte der Grafschaft Hohnstein, die der Freien Reichsstadt unmittelbar benachbart war, zu erarbeiten und beschäftigte sich deshalb schon sehr frühzeitig mit dem Stoff. Mit derselben Materie beschäftigte sich der Weimarer Hofrat und Archivar Gottlieb Adolph Heinrich Heydenreich. Als dieser erfuhr, dass auch Lesser sich diesem Thema schon seit längerem zugewandt hatte, wandte er sich an diesen wegen dessen Forschungen und dem Stand der Erarbeitung einer möglichen Publikation. Lesser  antwortete ihm am 31. März 1748 auf die entsprechende Anfrage:

„Ich bin zur Zeit noch nicht gesonnen gewesen eine Historie der Grafen von Hohnstein herauszugeben und ist vielleicht die Muthmaßung daher entstanden, weil ich viel anecdoten zu meiner Nachricht und Belustigung gesamlet“. 22

Offensichtlich war sich Lesser bewusst, dass sein vorliegendes Material noch nicht ausreichte, um eine fundierte Geschichte dieser Harzgrafschaft herauszubringen. Ihm fehlte der Zugang zu den Quellen, der sich bei der Erarbeitung  seiner Nordhäuser Stadtgeschichte schon so schmerzhaft bemerkbar gemacht hatte. Denn die vielfältigen Beziehungen positiver wie negativer Art, die es zwischen dem Harzgrafengeschlecht und der Freien Reichsstadt Nordhausen im Laufe der Geschichte gab, konnte er schon in dieser Publikation nicht befriedigend darstellen. Und ähnlich war es hinsichtlich anderer Quellenbelege zur Geschichte der Grafschaft Hohnstein. Er unterstützte Heydenreichs Forschungen durch Verfügungstellen von Materialien in Form von Abschriften und Informationen und war ihm auch so behilflich. Die überlieferten Briefe Lessers an Heydenreich decken einen Zeitabschnitt vom 31. März 1748 bis 19. Juni 1753 ab. Mehrfach bestätigt er Heydenreich, dass er nicht die Absicht hat eine Geschichte der Grafschaft Hohnstein zu veröffentlichen, lediglich die Münzen dieser Grafschaft will er publizieren, was dann auch geschieht.

So schreibt er am 25. September 1748 an den wohl misstrauischen Heydenreich:

„Wegen Herausgabe meiner Historia der Grafen von Hohnstein dürfen Sie sich nichts befahren, denn wenn ich solche intendiret, so hätte ich Ewer HochEdelgebohren die Documenta wahrlich nicht überließen. Derjenige, so Ewer HochEdelgebohren solches geschrieben ist entweder boßhaftig, uns zusammen zu hetzen oder Einfältig, daß er auf mein ehemaliges Vorhaben zielet, und das distingue tempora nicht gelernet. Es bleibet darbey, daß ich von den Grafen von Hohnstein nichts heraus geben werde, als was ihre Münzen anlangt, wovon hier ein Verzeichnis überkomt.“ 23

Das heißt, dass das vorliegende und nun gedruckt zugängige Manuskript spätestens zu diesem Zweck abgeschlossen war und nicht mehr an diesem gearbeitet wurde. Es ist deshalb auch nicht gerechtfertigt, ein eindeutig unfertiges und nicht für die Veröffentlichung vorgesehenes Manuskript so zu analysieren wie eine Arbeit, die publiziert wurde oder zur Publikation vorgesehen war.

Lesser hat die Arbeit an dem Manuskript sicherlich auch deshalb eingestellt, weil er befürchtete dafür jemals einen Herausgeber zu finden. In seinem ersten überlieferten Brief an Heydenreich vom 31. März 1748 schreibt er diesem:

„Gott helfe, daß Dero Hohnsteinsche Geschichte einen Guten Verleger finde und bald an den Tag komme.“ 24

Lessers pessimistische Einschätzung der Publikationsmöglichkeiten für eine Geschichte der Grafschaft Hohnstein erwies sich im Nachhinein als berechtigt. Das Heydenreichsche Manuskript liegt noch unveröffentlicht im Thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar.

Die Unterstützung Heydenreichs durch Lesser erfolgte nicht uneigennützig. Für seine Unterstützung erbittet er, und zwar mit Erfolg, Fossilien, Mineralien, Conchylien usw. zur Komplettierung seines Naturalienkabinetts, Kupferstiche und Holzschnitte.

Der Verzicht auf die Publikation einer Gesamtgeschichte der Grafschaft Hohnstein bedeutete für Friedrich Christian Lesser nicht, dass er auch die Veröffentlichung von Detailproblemen aus der Geschichte dieser Grafschaft unterließ. Neben der ausdrücklich ausbedungenen Veröffentlichung der Hohnsteiner Münzen, von denen er zwei kleinere selbstständige Publikationen, die allerdings wissenschaftlich völlig überholt sind, zum Druck beförderte 25, publizierte er einige kleinere Arbeiten aus diesem Arbeitsgebiet in den Hannoverischen gelehrten Anzeigen, im Hamburgischen Magazin und anderwärts.

Auch nach dem Tode fürchtete Heydenreich, dass Lessers Manuskript in unrechte Hände kam und wandte sich diesbezüglich an den Sohn Friedrich Christian Lessers Johann Philip Friedrich.

Dieser übersandte das Manuskript am 11. April 1760 und stellte dem Hofrat dieses bis Johannis 1761 zur Verfügung. 26
Danach erbat er die Rückgabe. Warum diese nicht erfolgte, das Manuskript in Weimar verblieb und mit dem Nachlass Heydenreichs ins jetzige Thüringische Hauptstaatsarchiv Weimar kam, ist nicht nachvollziehbar.

Immerhin ist es nunmehr, nach Veröffentlichung in der Schriftenreihe der Friedrich – Christian – Lesser – Stiftung, allen Interessenten unproblematisch zugängig.

Abschließend darf festgestellt werden, dass Friedrich Christian Lesser umfangreiche heimatgeschichtliche Kenntnisse besaß, vielfältige Materialsammlungen zu diesem Problemkreis zusammengetragen hatte. Sie optimal zu nutzen scheiterte insbesondere an den Zeitumständen.
Auch wenn er in Nordhausen insbesondere als der erste Stadtchronist in der Erinnerung geblieben ist, seine besonderen Verdienste liegen vielmehr im naturwissenschaftlichen als im heimatgeschichtlichen Bereich.

Anmerkungen

1. Siegfried Rein : Friedrich Christian Lesser (1692-1754) Pastor, Physicotheologe und Polyhistor, Schriftenreihe der Friedrich – Christian – Lesser – Stiftung Band 1, Nordhausen, o. J. (1993)

2. 1740 anonym erschienen. Der komplette Titel wird im Beitrag zitiert

3. Friedr. Chrn. Lesser’s Historische Nachrichten von der ehemals kaiserlichen und des heil. röm. Reichs freien Stadt Nordhausen gedruckt daselbst im Jahre 1740 umgearbeitet und fortgesetzt von Prof. Dr. Ernst Günther Förstemann. Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben vom Magistrat zu Nordhausen, Nordhausen, 1860

4. Fr. Chr. Lesser : Umständliche Nachrichten von denen jenigen 2790 Evangelisch Salzburgischen Emigranten, welche zu zweymalen, nemlich den 26. Aug. und 23. Septemb. 1732 in der Kayserl. Fr. Reichs=Stadt Nordhausen ankommen, wie solche von den evangelischen Einwohnern mit großer Begierde aufgenommen, mit herzlicher Liebe so geistlich als leiblich bewirthet, und mit vielen Seegens=Wünschen dimittieret worden... Nordhausen, 1732

5. Fr. Chr. Lesser : Die der reinen Lehre Augsburgischer Confession beständig zugetane Kayser.- fr. und des H. Röm. Reichs= Stadt Nordhausen, wolte zu der Ehre des allmächtigen Gottes kürzlich vorstellen, und zugleich zur Nachricht deren Nachkommen, wie das andere Jubliläum obbesagter Confession allhier feyerlich begangen, und was vor Texte erklähret, mithin auch ins besondere diejenigen Glieder, sowohl E.HochEhrw. Ministerii, so die reine Lehre Augburgl. Confession befördert, und wider die Feinde der Wahrheit geschützet, kürtzlich mit historischer Feder beschreiben, Nordhausen, 1730. Zu Lessers  Arbeiten mit historischer Relevanz siehe neuerdings Andreas Lesser: Friedrich Christian Lesser (1692 – 1754) und seine historischen Veröffentlichungen, in: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Kreis Nordhausen 27,2002, S. 65 - 84 , Nordhausen 2002

6. Friedrich Christian Lesser : Historie der Grafschaft Hohnstein. Nach dem Manuskript im Thüringischen Hauptstaatsarchiv zu Weimar herausgegeben von Peter Kuhlbrodt. Schriftenreihe der Friedrich – Christian – Lesser – Stiftung Band 5, Nordhausen 1997

7. Erich Christoph Bohne : Nordhäusische Chronica. Zeit - und Geschichtsbuch – Buch ..., Nordhausen 1701, Die bereits ausgedruckten Teile des Buches wurden Nordhausen 1901 veröffentlicht.

8. Diarium oder Tage – Büchlein wegen des Königl. Preuß. Einfalls in Nordhausen unter dem Commando des General – Adjutanten und Obristen von Tettau, derselben Occupation oder Einnehmung, täglich von E. Edl. Rathe gehaltenen Conferntzen wegen des Schutzes, dessen Verwilligung mit angeführten Conditionen, und was sonst von Tage zu Tage passiret. Anno 1703 den 7. Februarii beginnend, geführt von Ericus Christopherus Bohne Republ. Patriae Quartuor – Vir, et Consistorii Assessor. Das Diarium wurde gemeinsam mit der Bohneschen „Chronica“ (Anm. 7) Nordhausen, 1901 veröffentlicht.

9. R. H. W. Müller : Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs, Schriftenreihe heimatge-schichtlicher Forschungen des Stadtarchivs Nordhausen/ Harz, Nr. 2, Nordhausen 1953, S. 8

10. Paul Lauerwald : Städtische Geschichtsschreibung im 17./18. Jahrhundert in der Freien Reichsstadt Nordhausen, in : Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen, Heft 11 – 1986, S. 34 – 36, Nordhausen 1986

11. Ein Verlags – Contract vom Jahre 1737. Mitgetheilt von A. Kirchhoff, in : Archiv für Geschichte des Deutschen Buchhandels. Herausgegeben von der Historischen Commission des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler. Bd. I, Leipzig 1878, S. 195 – 197, hier S. 195

12. Friedrich Christian Lesser : Das Leben des allerersten Lutherischen Pastors in Nordhausen, besonders an der Kirche zu Sanct Petri, Laurentius Süßens, Nordhausen 1749

13. wie Anmerkung 11, S. 195

14. Friedrich Christian Leßers, Des Evangelisch – Lutherischen Ministerii der Kayserl. fr. reichsstadt Nordhausen Senioris, der Kirchen zu S. Jacobi und Martini Pastoriis ...  eigene Nachricht von Seinen grösseren und kleineren Schriften, Nordhausen 1746,  S. 28 - 29

15. Johann Philip Friedrich Lesser : Nachricht von dem Leben und Schrifften Herrn Friedrich Christian Lessers ...., Nordhausen 1755, S. 35

16. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, F 15, zitiert nach Hermann Heineck: Friedr. Christian Lesser der Chronist von Nordhausen. Festschrift im Auftrag des Nordhäuser Altertums- und Geschichts – Verein, Nordhausen 1892, S. 34

17. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, F 15, zitiert nach Siegfried Rein, wie Anmerkung 1, S. 140, Hbf 3

18. Magister Friedrich Wilhelm Ehrhardt : Gedichte eines Nordhäuser Bürgers, Nordhausen 1803, S. 119

19. wie Anmerkung 3

20. Vortrag, veröffentlicht in einer Wochenendbeilage einer Nordhäuser Zeitung 1927, nähere Angaben nicht bekannt.

21. wie Anmerkung 6

22. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, F 15, zitiert nach Siegfried Rein, wie Anmerkung 1, S. 138, Hbf 1

23. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, F 15, zitiert nach Siegfried Rein, wie Anmerkung 1, S.141, Hbf 5

24. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, F 15, zitiert nach Siegfried Rein, wie Anmerkung 1, S. 138, Hbf 1

25. Friedrich Christian Lesser : Kurtze, doch zuverlässige Nachricht von denen sich nach und nach verlierenden Müntzen der ausgestorbenen Grafen von Hohnstein, Nordhausen 1748; und Friedrich Christian Lesser : Fortsetzung der kurtzen, doch zuverlässigen Nachricht von denen sich nach und nach verlierenden Müntzen der ausgestorbenen Grafen von Hohnstein, Nordhausen 1750

26. Siegfried Rein, wie Anmerkung 1, S. 158

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