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02.12.2013 08:53 Alter: 3 yrs

Fromme Frauen im Nordhäuser Geschichtsbild


Am Freitag der vergangenen Woche stellte im Nordhäuser Tabakspeicher der Archivrat Dr. Jörg Voigt einem interessierten Publikum das von ihm verfasste Buch „Beginen im Spätmittelalter“ vor, über die nnz in einem ersten Beitrag berichtete. Hier nun einige weitere Aufschlüsse aus dem Vortrag zu dem Beginenwesen in Thüringen und dem Reich...


Vortrag im Tabakspeicher (Foto: J. Seifert)Das Thema dürfte die Nordhäuser Öffentlichkeit nur in Maßen interessieren, wie schon die Teilnahme an dieser Buchpräsentation vermuten lässt. Dabei wies der Autor Jörg Voigt gleich anfangs seines Vortrags darauf hin, dass es gerade auch in Nordhausen einstens ein Zentrum religiöser Lebensformen von Frauen gab, wie sich aus frühesten schriftlichen Quellen erkennen lässt. Neben Erfurt, Mühlhausen und Jena etwa, wie Voigt bei seinen Forschungen herausfand. Und das jedenfalls ist Motivation zu diesem Beitrag.

Das ist lange her und im Zuge der urbanen und konfessionellen Entwicklung wohl auch weitgehend in Vergessenheit geraten, denn außer von den Nordhäuser Gästeführern ist von keiner anderen Seite wirklich informierend über diese einstige Frauenfrömmigkeit in diesem Teil Thüringens in die Öffentlichkeit gegangen. Als um Objektivität bemüht kann hier allerdings ins Gedächtnisgerufen werden, dass Dr. Theilemann, der nunmehrige Stadtarchivar, ganz grundsätzlich ankündigte, seine Aufgabe auch darin zu sehen, die Geschichte der Stadt Nordhausen nicht nur archivarisch zu erfassen und zu verwalten, sondern auch in gewissen Rahmen der Öffentlichkeit zu offerieren.

Und die Bedeutung, die dieser spätmittelalterlichen Aera der Thüringer Geschichte am Beispiel Nordhausen beigemessen wird, ist leicht erkennbar durch die Förderung, die Dr. Voigt für seine Forschungen durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, durch die Historische Kommission für Thüringen und die Friedrich-Christian-Lesser Stiftung erfuhr. Und der Aufgeschlossenheit der Archivare in Nordhausen, Mühlhausen, Erfurt und Jena. Offenbar freute man sich, dass sich ein qualifizierter Historiker dieses Themas annahm, das bis dahin nur beiläufig – wenn überhaupt – in der Historie erwähnt wurde.

Ganz im Gegensatz zu anderen Gegenden des Reiches: von Lüneburg oder auch Lübeck zum Beispiel weiß man von Beginenhöfen bis zur Gegenwart, in denen sich das vita religiosa ordensfern darstellt. Und ganz aktuell gab es gestern beim Festzug bei den „Cannstatter Wasen“ eine Frauengruppe, die mit Transparenten und Trageelementen auf sich als Beginen aufmerksam machten. Und viel Beifall der Zuschauer erhielt. Was dort also noch gegenwärtig gelebt wird, gehört in Thüringen, und damit in Nordhausen – längst der Vergangenheit an. Dr. Jörg Voigt hat es mit seinem nun vorgestellten 531seitigen Buch aus der Vergessenheit geholt. Wofür ihm Dank gebührt. Nordhausen ist es danach wert, in seiner geschichtlichen Bedeutung hervorgehoben zu werden.

Dr. Jörg Voigt beginnt als Ergebnis seiner Forschungen mit der Zeit ab dem 10. Jahrhundert, in der es in Nordhausen das von Mathilde, Witwe König Heinrichs I. 962 gegründete Kanonissenstift gab. Nordhausen war zu diesem Zeitpunkt bereits ein bedeutender Aufenthalts- und Repräsentationsort der liudolfingischen Familie, den Heinrich zu einer Pfalz ausgebaut hatte. Die Gründung des Kanonissenstifts fügt sich dabei in die umfangreiche Stiftungstätigkeit von Mathilde ein, die an fast allen Pfalzorten, die nach dem Tode Heinrichs an sie gefallen waren, geistliche Gemeinschaften stiftete.

Damit steht die Frauengemeinschaft in Nordhausen in einer Reihe mit der älteren liudolfingischen Gründung in Gandersheim und der mathildischen Stiftung in Quedlinburg. An der unteren Unstrut folgten das zwischen 973 und 979 von Otto II. an der Pfalz Memleben gestiftete Benediktinerkloster und weiter auf Reichsgut errichtete bzw. unter Königsschutz gestellte adlige Eigengründungen – das Männerkloster Bibra (vor 963) und das Benediktinerinnenkloster Vitzenburg (vor 991). Von den nordthüringischen königlichen bzw. königsnahen Gründungen ist Nordhausen zweifellos die hochrangigste weibliche Gemeinschaft gewesen, deren Gründung im Kontext des liudolfingisch-ottonischen Ausgriffs von den sächsischen Kernräumen über den Harz nach Thüringen stand.

Bei dieser dominierenden Stellung Nordhausens blieb es freilich nicht: Voigt schildert in seinem Buch, dass und warum mit den Nachfolgern Mathildes auch die Bedeutung Nordhausens sank. Weil man sich in der Folgezeit auf wenige ältere Reichsabteien – zum Beispiel Hersfeld – konzentrierte. Zwar bestand die Frauengemeinschaft in Nordhausen als königliche Stiftung weiter, weil das Königtum den mit einer aufstrebenden Marktsiedlung verknüpften Pfalzort Nordhausen nicht aufgab, sie büßte aber ihre überregionale Ausstrahlungskraft und identitätsstiftende Funktion für das Königtum weitgehend ein und sollte 1219 von Kaiser Friedrich II. in ein Kanonenstift umgewandelt werden.

Das Buch Voigts gibt Aufschluss über diese Umwandlungen und schildert – immer die Frauengemeinschaften im Blickpunkt – zunächst die Gründung des Nonnenklosters Neuwerk auf dem Nordhäuser Frauenberg, das in der Folgezeit eine eng an das Reich gebundene geistliche Institution wurde. Kaiser Friedrich II. bestätigte die bis dahin übertragenen Eigentumsrechte, stattete das Kloster mit (weiteren) Besitz aus und stellte es unter seinen Schutz.

Wie detailliert die Forschungen Voigts gingen, zeigt u.a. seine Differenzierung zum Altendorfer Kloster, in dem ebenfalls eine zisterziensische Nonnengemeinschaft lebte und dessen Gründung zurückgeht auf die Zisterzienserinnen in Bischofferode, deren Kloster im Jahre 1238 erstmals erwähnt wurde. Im Jahre 1294 wurde der Konvent von Bischofferode an die Marienkirche in Altendorf unmittelbar im Norden außerhalb der Stadt verlegt. Diese beiden Klöster in Nordhausen gehörten zu einem äußerst dichten Netzes von Zisterzienserinnenklöstern in Thüringen, dessen Ausmaß mit Blick auf die Regionen nördlich der Alpen einziartig ist. Über 30 Zisterzienserinnenklöster wurden im 13. Jahrhundert in Thüringen gegründet, von denen die Geschichte der Zisterzienserinnen in Nordhausen exemplarische Einblicke in die Entwicklung der Frauenklosterlandschaft in Thüringen und darüber hinaus bietet. Zudem spiegelt es die hohe Anziehungskraft wider, die das zisterziensische Mönchstum auf Frauen in Städten ausübte. Dabei ist für Nordhausen noch bemerkenswert, dass die erste namentlich bekannte Zisterzienserin in dieser Stadt aus der Patrizierfamilie Lesser stammte, die im Neuwerkskloster ein religiöses Leben führte.

Damit soll hier diese Phase der Entwicklung des religiösen Lebens in Nordhausen abgeschlossen werden mit dem Hinweis, dass sich auch die Nordhäuser GästeführerInnen angelegentlich mit dieser geschichtlichen Epoche befassten und sie nicht nur in ihre jeweiligen Führungen einfließen lassen, sondern auch von Zeit zu Zeit spezielle Themenführungen anbieten, die hier bei dieser Gelegenheit empfohlen werden.

Wie authentisch diese Themenführungen sind, zeigte sich auch in der Übereinstimmung mit den Ausführungen Voigts zu der weiteren Entwicklung, in der das Hinzukommen der Franziskaner eine zunehmende Rolle spielt. Als Quelle stützt sich Dr. Voigt ebenso wie die Gästeführer vor allem auf die Chronik des Franziskaners Jordan von Giano, unter dessen Führung die Franziskaner nach Thüringen kamen und als Gemeinschaft nach einem ersten vergeblichen Versuch 1230 in Nordhausen Fuß fassten. Und das nach der Überlieferung mit Hilfe einer Jungfrau, die ihnen einen Hofplatz überlassen hatte, auf dem sie sich seßhaft machten. Diese Frau wird zwar bei Giano nicht explizit als Begine bezeichnet, doch weist der Hinweis, dass es sich um eine Jungfrau handelte, auf die religiöse Lebensform dieser Frau hin, die möglicherweise auch ein Gelübde abgelegt haben könnte. Damit teilt sie grundsätzliche Merkmale mit den zeitgleich erstmals überlieferten Beginen in jenen Regionen, die bisher als Hochburgen des Beginenwesens angesehen werden – vornehmlich die mittelrheinischen Städte (Köln, Straßburg), und zwar die vita religiosa ohne Anbindung an einen von der päpstlichen Kurie anerkannten Orden.

Mit jener Nordhäuserin, die Jordan von Giano erwähnt, dürfte das Beginenwesen in der Stadt im Norden Thüringens seinen Anfang genommen haben. Das Buch Dr. Voigts gibt darüber einigen Aufschluss, das allerdings mit einem Preis von 69.90€ nur wirklich Interessierten des Kaufens wert sein dürfte. Die Bibliothek hält es zur Ausleihe vorrätig, aber auch die Gästeführer – wie erwähnt – verfügen über Quellen wie dieser und offerieren ihr Wissen bei ihren Führungen.

In dieser Phase der Forschungen des Dr. Voigt erscheint übrigens erstmals der Name des früheren Nordhäuser Archivars Dr. Peter Kuhlbrodt, durch den er Hinweise erhielt, die ihn ins Sächsische Landeshauptarchiv Magdeburg führten, wo er auf eine zentrale Quelle für seine Forschungen – wie zuvor schon Dr. Kuhlbrodt – zu den Beginen in und um Nordhausen stieß. Darüber hinaus erwies sich auch das Amtsbuch der Stadt Nordhausen als ergiebige Quelle, die über den Zuzug von Neubürgern als „sorores“ (Schwestern) Auskunft gibt, bei denen es sich um Beginen gehandelt haben dürfte. Sie hatten einen Eid vor dem Stadtrat abzulegen, erhielten das Bürgerrecht und verpflichteten sich zur Einhaltung der gültigen Statuten.

Voigt betont in diesem Zusammenhang, dass aus keiner anderen Stadt in Thüringen und den Gebieten nördlich der Alpen ähnlich aussagefähige Nachrichten aus dem frühen14.Jahrhundert bekannt sind. Sie zeigen eindrücklich, dass das Beginenwesen im spätmittelalterlichen Nordhausen fest in die städtischen Strukturen integriert und weit verbreitet gewesen sein musste. „Für die Hauptthese meiner Arbeit, nach der sich das Beginenwesen im 14. Jahrhundert zu einer anerkannten Form der vita religiosa von Frauen entwickelt hatte, war dies eine zentrale Quelle von hoher Belegkraft“, stellte Jörg Voigt in seinem Vortrag fest.

Schließlich war es aber auch das Zinsbuch des Kreuzstiftes, das zwischen den Jahren 1336 und 1348 entstanden ist, das ihm ebenso wichtige Aufschlüsse über die Existenz einer Beginengemeinschaft in Nordhausen lieferte. Nach seinen weiteren, umfassenden Recherchen, die er in seinem Vortrag auch detailliert erläuterte, kommt der Autor in seinem Buch zu dem Ergebnis, dass in Nordhausen seit dem 13. und 14. Jahrhundert ein Beginenwesen nachgewiesen werden kann, das fest in der Stadt etabliert war und hohe Anziehungskraft aus die Stadtbevölkerung besaß.

Damit wird die Dimension und die Gewichtung eines im spätmittelalterlichen Thüringen existierenden Beginenwesens auf eine neue Grundlage gestellt werden, betonte Dr. Voigt und fügt an, dass Nordhausen zudem mit einem der frühesten Belege einer Begine nördlich der Alpen nun höchste Bedeutung bei der Frage nach den Fühformen und den Vermittlern dieser alternativen vita religiosa von Frauen zukommt. Und, so der Vortragende, auch für die Geschichte Nordhausens sind die Befunde nicht unerheblich. Als einzige innerstädtische Institution religiösen Lebens für Frauen ist es im Zusammenhang mit den weiteren geistlichen Institutionen in und um Nordhausen zu stellen. Abschließend stellte Dr. Jörg Voigt fest, dass für die grundlegenden Fragen nach der Differenzierung der religiösen Bewegungen des Hoch- und Spätmittelalters und nach ihren spezifischen Ausprägungen Nordhausen somit ein überaus lohnendes Forschungsfeld darstellte, das eine zentrale Grundlage seiner Arbeit war und zukünftig noch weiter auszubauen ist.

Soweit Auszüge aus dem Vortrag Dr. Voigts, mit denen hier eine Vorstellung zum Thema Beginenwesen in Nordhausen vermittelt werden soll. Die Nordhäuser Gästeführer werden die gehörten Ausführungen und den Inhalt des Buches sicher in ihr Themenprogramm aufnehmen, soweit sie ihnen bisher unbekannt gewesen sind.
Julius Seifert